„Entwicklungspsychologische Beratung“ in der Frühförderung

 1. Konzept
 
Interaktionsorientierte Beratungs- und Therapieansätze spielen in den frühen Hilfen, zu denen auch die Frühförderung zu zählen ist, eine mittlerweile große und wichtige Rolle.
„Entwicklungspsychologische Beratung“ ist ein Ansatz, bei dem die Interaktion zwischen Kind und Eltern im Mittelpunkt steht. Durch eine Entwicklungsstörung oder Behinderung eines Kindes ist häufig auch der Beziehungsaufbau zwischen Kind und Eltern erschwert. Die Förderung der frühen Eltern-Kind-Interaktion ist ein wichtiger Teil der Arbeit in der Frühförderung, um sekundären Entwicklungsstörungen, wie Verhaltensauffälligkeiten, emotionale Störungen oder Ängsten entgegen zu wirken.  
 Die Arbeitsstelle Frühförderung Bayern führt seit dem Jahr 2000 in Abstimmung mit der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie der Universität Ulm (Fegert/ Ziegenhain) jährlich Zertifikationskurse durch, um die TeilnehmerInnen in einer solchen inhaltlichen Arbeit zu qualifizieren.

Inzwischen gibt es an gut einem Drittel (56 Einrichtungen, über 98 Fachkräfte) der bayerischen Frühförderstellen speziell ausgebildete Fachkräfte mit dieser oder vergleichbaren Zusatzqualifikationen; Ziel ist ein flächendeckendes Angebot und eine Qualifizierung von „Frühförderern“ aus dem pädagogisch –psychologischen und medizinisch-therapeutischen Bereich. Im Oktober 2010 beendeten  14 weitere Kolleginnen den Zertifikationskurs „Entwicklungspsychologischer Beratung“ und 16 nahmen diese Weiterbildung auf.  Das Konzept ganz bewusst alle in der Frühförderung vorkommenden Berufsgruppen zu berücksichtigen hat sich in der Ausbildung und späteren Praxis gut bewährt.

In der Weiterbildung profitieren alle von ihren unterschiedlichen Kompetenzen, insbesondere in den Fallsupervisionen. So finden wir  bei den medizinischen Therapeutinnen mehr Erfahrungen in der Beobachtung und Einschätzung von Feinzeichen kindlicher Regulation und Feinfühligkeit der Eltern und bei PädagogInnen und PsychologInnen mehr Erfahrungen in der Beratung von Eltern, wobei PsychologInnen häufig einschlägige psychotherapeutische Zusatzausbildung haben. Diese gemeinsamen Erfahrungen interdisziplinären Austausches auch auf diesem Feld, unterstützen die Implementierung in ihren Frühförderstellen mit den Kolleginnen, die keine derartige Ausbildung haben.
Beim Projekt der Harlekin-Nachsorge versuchen wir das an den einzelnen Standorten  zu verstärken, indem wir grundsätzlich 2 Fachkolleginnen aus der Frühförderung unterschiedlicher Berufsgruppen einsetzen.

„Entwicklungspsychologische Beratung“ ergänzt die Expertise der Frühförderung in frühkindlicher Entwicklung und ihren Störungen, lässt sich als Baustein in der Frühförderung, gut implementieren, ist niederschwellig durchführbar und zeitlich begrenzt, und kann nach spezifischen Erfordernissen flexibel eingesetzt werden kann.
Je jünger die betreuten Kinder in der Frühförderung sind und je mehr  Bereiche kindlicher Entwicklung  betroffen sind, um so höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass diese schwerpunktmäßig durch Medizinische TherapeutInnen betreut werden und mobile Frühförderung zuhause durch Therapeutinnen und Heilpädagoginnen erhalten. Interaktionsorientierte Beobachtung, Beratung und Therapie ist hier einerseits besonders gefordert, anderseits aber auch sehr gut umsetzbar. Aus unserer Sicht ist dies ein essentieller Baustein der Komplexleistung Frühförderung und stellt auch einen fachlichen Akzent medizinisch-therapeutischer Arbeit, dar der am besten von der Fachperson erbracht werden sollte, die Bezugspartner der Familie und in EPB qualifiziert ist.
Seit dem ersten Kurs im Pilotprojekt 2001 existiert ein egelmäßiger Arbeitskreis „EPB in der Frühförderung Bayern“, der sich mindesten zweimal jährlich in der Arbeitsstelle Frühförderung Bayern trifft. Hier erfolgt neben dem Erfahrungsaustausch eine regelmäßige Intervision und fachlichen Vertiefungen. Darüber hinaus haben sich regionale Arbeitsgruppen zur fachlichen Vernetzung und Intervision gebildet.

2. Einsatzbereiche der EPB-Qualifikation in der Frühförderung

A: EPB als Kompetenzerweiterung der Frühförderung
für die einzelne Fachkraft in der Arbeit mit Säuglingen und Kleinkindern mit spezifischen Risikokonstellationen, um die Entwicklung des Kindes sowie den Therapie-/Förderprozess zu unterstützen, und zur Kompetenzerweiterung des Teams einer Frühförderstelle in der kollegialen Beratung und Fallbesprechung hinsichtlich beziehungs- und bindungsrelevanter Aspekte in der Fallarbeit  

B: EPB als Kurzintervention oder umschriebenes Angebot im Rahmen der Frühförderung
bei Familien mit Säuglingen und Kleinkindern, bei denen Symptome von Regulationsstörungen (z.B. vermehrtes Schreien, Probleme beim Schlafen/ bei der Nahrungsaufnahme) auftreten, und bei denen bereits Entwicklungsstörungen vorliegen (drohende Behinderung), oder wo die kindlichen Auffälligkeiten plus zusätzliche Faktoren (z.B. familiäre Belastungen) dies erwarten lassen.

C: EPB als Qualifikation der Frühförderung („kombinierte Kompetenz“) in der Kooperation mit anderen Institutionen
Von Seiten der Frühförderung ist ein niedrigschwellige, begrenztes und ggf. auch mobiles Angebot verfügbar, das im Bereich der sekundären Prävention von Entwicklungsstörungen in regionaler Vernetzung vor allem mit der Jugendhilfe (z.B. Mitwirkung an Runden Tischen der „Frühen Hilfen“), aber auch mit Kinderkliniken (z.B. „Harlekin“-Nachsorgeprojekte) bedeutsam ist.
 
Die unter A genannten Arbeitsschwerpunkte werden von allen Kolleginnen aber in unterschiedlichem Ausmaß umgesetzt, sie können auch aus der Regelfinanzierung der Frühförderung bestritten werden.
Möglichkeit und  erforderlicher Umfang es in der interkollegialen Beratung oder Fallbesprechung  einzusetzen, ist leider beschränkt, da insgesamt die Zeit für Team, interdisziplinären fallbezogenen Austausch geringer geworden ist. Es ist eher die Regel als die Ausnahme, dass  ein Großteil der Arbeit bei videogestützter Beratung in der Freizeit von den Kolleginnen geleistet wird.
Der Einsatz als umschriebenes Angebot und Kurzintervention  ist zum einen nicht durch alle in EPB qualifizierten Berufsgruppen möglich (medizinisch-therapeutische Berufsgruppen haben hier leider eher Probleme) und erfordert i.d.R. zusätzliches finanzielles Engagement der Träger.
Einzelne Frühförderstellen machen derzeit Erfahrungen  mit speziellen Sprechstunden, dies erfolgt  über Projektfinanzierungen, weitere Kostenträger und als spezielles regional –abgestimmtes Konzept im Rahmen der „Frühen Hilfen“.

Bei der Kooperation mit anderen Systemen setzen wir es erfolgreich im Projekt der Harlekin-Nachsorge ein. Dieses Vernetzungskonzept  mit Kinderkliniken zur Betreuung von Familien mit Früh- und Risikogeborenen gibt es inzwischen an 10 Standorten in Bayern, ein weiterer Ausbau ist vorgesehen.  Ein  Schwerpunkt in der Betreuung der Familien im Übergang von Klinik nach Hause und in den ersten Monaten ist hier die Stärkung der Elternkompetenz mit entwicklungspsychologischen Schwerpunkt durch die beteiligten FachkollegInnen aus der Frühförderung, die alle eine EPB -Ausbildung  haben müssen. Das Projekt wird derzeitig durch das Sozialministerium Bayerns, Mittel der Träger an den  Standorten und Sponsoring finanziert.


München, im Dezember 2010

Dr. Sabine Höck                                    Dr. Martin Thurmair

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