Anamnesebogen der Arbeitsstelle Frühförderung Bayern

     Die Anamnese ist ein Teil der Diagnostik in der Frühförderung, auf den der medizinische Begriff der "Diagnostik" eigentlich nicht zutrifft.
     Die Anamnese ist keine objektivierende (natur-) wissenschaftliche Informationsgewinnung, sondern, erkenntnistheoretisch betrachtet, ein sinnverstehender und sinnstiftender Prozess zwischen (mindestens) zwei Subjekten, die beide sinnmächtig sind und Bedeutung produzieren.
     Wer den Anamnesebogen zur "Diagnostik" einsetzt -- und sei es in der besten Absicht und "zum das Wohle des Kindes" -- verkehrt ihn deshalb in ein Kontrollinstrument.

     Das Anamnesegespräch in der Frühförderung hat den Charakter einer Beratung (Diagnostische Leitlinien, Schmid-Krammer, Naggl 2006). Das heißt, wir lassen uns in dem Gespräch leiten von der Agenda der Eltern und versuchen in Kontakt zu kommen mit dem, was ihnen bedeutsam ist und woran sie sich erinnern.
     Der Fragenkatalog des Anamnesebogens beschreibt ein Feld. Ein Abfragen entlang diesem Katalog entspricht nicht seinem Sinn und Zweck. Der Anamnesebogen ersetzt auch nicht Beratungsqualifikationen. Sie würden ja auch nicht nach Checkliste ein Flugzeug steuern!

Der Fragenkatalog zur Anamnese (Naggl, Höck 2009) enthält die Bereiche

  • Erwartungen und Einstellung der Eltern
  • Vorgeschichte: Schwangerschaft und Geburt, Neugeborenenzeit, Säuglings- und Babyzeit, Gesundheit/Krankheiten, Bindungsgeschichte
  • Allgemeine Entwicklung: Motorik, Sensomotorik, Sprache, Kognition, Soziale und emotionale Entwicklung, Selbständigkeit
  • Entwicklungsbedingungen: Pflege und Versorgung, Erziehung, Familie, Krippe/Kindergarten; Soziale Situation

Zur Dokumentation dient das Formular Anamnesebogen

In den Materialien zur Anamneseerhebung
wird u.a. hingewiesen auf den Fragebogen über Bedürfnisse von Eltern behinderter Kinder BEK (Bailey, Simeonsson, Sarimski), den Mannheimer Elternfragebogen MEF (Esser, Laucht), und die Elternbriefe des Stadtjugendamts München